Die Stadt Laa an der Thaya im Norden des Weinviertels stellt eine der ältesten Grenzen Europas dar, die sich in offenem Gelände erhalten haben. Sie wurde im Zuge der landesfürstlichen Inbesitznahme im 13.Jahrhundert auf rechtecki­gem Grundriss mit vier großen Plätzen erbaut, welche als Sammelort für die herzoglichen Truppen vorgesehen waren. Aus dieser Zeit stammen auch die romanische Pfarrkirche, der Wehrturm der späteren Burg, das alte Rathaus und die Spitalskirche, welche zu den ältesten im deutschen Sprachraum zu zählen ist.
Die Plätze der Stadt wurden in der Barockzeit mit markanten Kleindenkmälern geschmückt; ein Denkmal aus älterer Zeit hatte sich bis vor kurzem dort auch erhalten: Es war der Erker an der stumpfen Südwestecke des Hauses Hauptplatz Nr.8, dem ältesten Gasthaus der Stadt, das auch unter dem Namen „Zur Goldenen Rose“ bekannt war. Der Erker befand sich dort, wo die Nordbahnstraße nach Süden abzweigt. Er wurde eineinhalb Meter über dem jetzigen Straßenniveau errichtet, sodass man die beiden wichtigsten Sichtach­sen des Ortskernes überwachen konnte: an der Südseite den Blick auf das ehemalige Brüdertor im Westen, und an der Nordseite auf den Stadtplatz in Richtung Böhmertor, das wie alle drei Stadttore zwischen 1850 und 1860 demoliert worden war.
Unter diesem dreifenstrigen Rundbogenerker befanden sich zwei steinerne Halbreliefs eines Mannes und einer Frau im Stil der Renaissance, die als Hermen bezeichnet werden. Sie dienten als stützende Konsolen der beiden viertelkreis­förmigen, muschelartig vorragenden, gerippten Steinschalen oder Muschelkörbe, die den Runderker im Obergeschoß stützten. Das Paar war jeweils mit entblößter Brust, jedoch unterschiedlichen Armhaltungen dargestellt und unterschiedlich an der Hausmauer angebracht. Das Besondere dieser Skulpturen waren seine Attribute: Denn weder ent­sprach die Gestik der Figuren noch die am Rumpf angebrachten Tierkreiszei­chen den geläufigen religiösen oder profanen Themen des Barock: Dies legt den Schluss nahe, dass sie keinem erbaulichen Zweck für die Allgemeinheit dienten, sondern als Machtzeichen einer bestimmten Person bestimmt waren. Nun gab es in der bewegten Geschichte der Stadt nur eine Persönlichkeit, die für die Errichtung einer derartigen Anlage in Frage kam: Es war Matthias Corvinus, König von Ungarn, Herzog von Österreich, Markgraf von Mähren, Herzog von Schlesien und Markgraf der Unter- und Oberlausitz. Er war der erste Fürst nördlich der Alpen, der in seinem Reich konsequent und radikal die Ideen der Renaissance umsetzte, genauso wie er auch von der Astrologie besessen war. Er eroberte 1486 die Stadt Laa und ließ sie durch die vom Erker ausgehenden Sichtachsen „einmessen“. Auch der Stil der beiden Hermen weist auf Giovanni Dalmata, dem Hofbildhauer des Königs hin.

Decoratives Element vom Grab Papst Paul II. © Louvre Paris.

Die Zuordnung zu Mathias Corvinus würde nicht nur die strategische Bedeu­tung dieses Ortes verdeutlichen, sondern auch die in der Anordnung der beiden Hermen liegende Besonderheit offenlegen. Denn diese können auf sechs Polaritäten zurückgeführt werden, welche sich gegenseitig zwingend bedingen. Damit erwies sich dieses Denkmal als eines der bedeutsamsten Beispiele dualistischen Gestaltungsvermögens, die uns in der abendländi­schen Kultur immer wieder unterschwellig begegnen.

1. RAUM > POSITION: Mann in der Nische innen – Frau an der Mauer außen
2. BILD > GESCHLECHTER: Mann – Frau,
3. ANORDNUNG > SEITEN: Mann links – Frau rechts von vorne gesehen.
4. AUSRICHTUNG > BLICKE : Mann von Süd > Nord – Frau von Ost > West
5. GRUNDHALTUNG > GESTIK: Mann einarmig – Frau Arme verschränkt: Vereinzelung – Vereinigung
6. ZEITABLAUF > STERNZEICHEN: Mann Löwe Hochsommer – Frau Steinbock tiefster Winter. Die regierenden Planeten: Sonne und Saturn
7. LIEBESKRAFT > MUSCHELKORB: als Symbol der Verbindung durch die Liebe als größte Kraft im Kosmos.

Der Erker von Laa besteht nicht mehr: Am 2.November 2017 wurden die beiden Skulpturen aus der Wand gestemmt, am 25. Januar 2018 wurde das Gebäude als Ganzes niedergerissen. Heute steht dort ein Neubau, in dessen Eingang die beiden Skulpturen hineingestellt sind: Sie sind dort wieder sichtbar gemacht, doch ihr Umfeld, ihre Bedeutung ist ihnen abhanden gekommen.

18. Mai 2019: Mutwillig zerstört: Die männliche Herme aus dem Erker gehauen, gereinigt und verkommen zur Schaufensterpuppe. Beachte die ungeheure Tiefe des behauenen Steins! © Initiative Hagenberg

Foto am 18.Juni 2019 – Markttag in Laa an der Thaya © Initiative Hagenberg

Foto 18.Juni 2019 © Initiative Hagenberg

Foto 18.Juni 2019 © Initiative Hagenberg

gKultur als öffentliches Ärgernis – so sieht die Endlösung von Denkmälern des Landes aus!
Das Geschäft mit Eis und Kunst geht dabei ungestört weiter.
500 Jahre lang hat der Erker alle Höhen und Tiefen unserer Geschichte überdauert. Für mich spiegelt dieser Abriss die schon selbstverständliche Ignoranz der Zeit gegenüber gewachsener Kunst und Kultur wider, er ist blanker Hohn, Mord genauso wie die Vernichtung der gleichnamigen Synagoge „Zur Goldenen Rose“, im ehemaligen Lemberg in der heutigen Ukraine im Jahre 1941 – eine Mahnung zum unveränderten Umgang mit Vergangenheit. Unter dem Slogan: „Altes gehört gereinigt, neue Wege gehen“ findet dies die wohlwollende Zustimmung der Öffentlichkeit, ohne überhaupt zu wissen, worum es hier eigentlich geht.
Denn dieser Erker liefert den Schlüssel zur Struktur des Schlosses Haggenberg.

SCHLOSS HAGGENBERG, wo Wirklichkeit und Traum ineinander übergehen:
„Hier gibt es sie, jene wahre Kunst, die unsere verwirrte Unwissenheit, unsere abscheuliche 
Überheblichkeit und unseren üblichen, verdammten Irrtum offen­bart. Diese Kunst ist das klare Licht, das uns gnädig einlädt, sie zu betrachten, um unsere getrübten Augen zu erleuchten; Wer es ablehnt, bleibt blind, obwohl seine Augen weit offenbleiben. Dies ist der Ankläger dieser kriminellen Gier, die alle Tugenden vergewaltigt und verschlingt, der Wurm, der ständig im Herzen derer, die er gefangen genommen hat, nagt, das verfluchte Hindernis und der Zerstörer begabter Köpfe, der tödliche Feind der guten Architektur, das abscheu­­liche Idol, welches unser Jahrhundert so unwürdig und verdammt anbetet. Oh, tödliches Gift! In welchem Elend befindet sich jener, den du ergrif­fen hast! Wie viele großartige Werke wurden schon teilweise oder vollständig vernichtet?“

aus Hypnerotomachia Poliphili, dem richtungsweisenden Traumbuch der Renaissance, geschrieben im Jahre 1499.