Das vergessene Schloss

Beschreibung und Geschichte des Schlosses

Die Eingangsfassade des Schlosses mit ihrer Sichtachse © Initiative Haggenberg

Das Schloss Haggenberg liegt  in dem 200 Einwohner zählenden  Dorf Hagenberg. Dieser, zur Großge­meinde Fallbach im Bezirk Mistelbach gehörende Ort liegt etwa 60 km nördlich von Wien. Es liegt im Quellgebiet des Brandbaches, eines Zubringers der Zaya, die über die March in die Donau ent­wässert wird. Etwa 12 km nördlich des Dorfes bildet die Thaya die Grenze zwischen Österreich und Mähren. Sie durchschnei­det ein und dieselbe Landschaft mit einer aufeinander abgestimmten Geschichte.

Zur Schreibweise des Namens
Der Name Haggenberg, der sich von einer arabischen Streitaxt herleitet, wurde bis in die Neuzeit grundsätzlich mit K ausgesprochen und auch so geschrieben, also „Hakenberg“, „Hakkenberg“, Hackenberg“, „Hachenberg“. Im Hochbarock setzt sich die Schreibweise mit GG, also „Haggenberg“ durch, die nach 1800 zu einem einfachem G, also zu „Hagenberg“ verkürzt wurde, was seither der offizielle Name der Ortschaft ist. Ich bevorzuge für die historischen und kulturellen Belange des Schlossesim Einklang mit der barocken Schreibweise den Namen HAGGENBERG  
Das Schloss trägt allenthalben Zeichen natürlichen Verfalls, aber auch Spuren mutwilliger Zerstörung zur Schau. Jedoch ist trotz des Unverstandes der vergangenen 250 Jahre das Entscheidende, nämlich die Struktur des Raumes, erhalten geblieben: Für jene, die nicht nur verwahrloste Ober­flächen, sondern auch Zusammen­hänge erkennen können, entpuppt sich der Bau als offen gebliebenes Fenster in eine große Vergangenheit.

Baubeschreibung des Schlosses

Das Schloss war bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch seine Malereien der Außen- und Hofmauern bekannt. Dieser Abschnitt beschreibt die noch vorhandenen Bilder im Inneren des Gebäudes, die hauptsächlich auf Motive aus der griechischen Mythologie zurückgehen.

1. ERDGESCHOSS

Die Zufahrt über die Brücke

Das Schloss ist nach den vier Him­mels­richtungen ausgerichtet und steht am südwestlichen Ende des Dorfes. Es ist von einem 30 Meter breiten, mit Schilf verwachsenen Wassergraben umgeben. Der Zufahrts­weg führt durch eine kurze Kastanien-Allee und eine vier-jochige Steinbrücke direkt auf das Eingangspor­tal im Nordostflügel des Gebäudes.
Die viergeschossigen, mit Satteldächern gedeckten Flügel umschließen einen annähernd quadratischen Innen­hof und weisen je sechs Fensterachsen an den Außen- und vier Achsen an den Innen­fassaden auf. Die Eingangsfront ist heute weitgehend mit Veitschi überwachsen. Das Eingangsportal, über dem das von vier Putten getragene Wappen des Reichs­grafen Theodor von Sinzendorf angebracht ist, öffnet sich zu einer Sichtachse. Diese führt  durch die Eingangshalle, den Innenhof und die Sala terrena und legt den Blick auf das Gelände hinter dem Gebäude frei. Sämtliche ebenerdigen Räume sind eingewölbt.

Die Eingangshalle

An den Wänden und Decken der zweijochigen Eingangshalle sind noch verblasste Grisaille-Malereien erkennbar, die militärische Motive aufweisen. Das erhaltene Medaillon im Gewöl­be vor dem Stiegenhaus zeigt einen Reiter auf seinem Pferd, der mit gezogenem Säbel über einen Türken springt.  Die Szene stellt die Apotheose des Reichsgrafen Christian Ludwig von Sinzendorf von der Friedauer Linie dar, der am 12.August 1687 als 18-jähriger Kornett in der Schlacht am Berg Harsány verblutete.

Eingangshalle Richtung Stiegenhaus im Nordeck © Initiative Haggenberg

 Der Innenhof

In der Mitte des Innenhofes befindet sich ein achteckiger Brunnen, der durch das Quellwasser aus den umliegenden Wäldern gespeist wird. Dieser Brunnen war während der landwirtschaftlichen Nutzung des Gebäudes zugeschüttet, um die Durchfahrt der Erntewägen in die Grotte zu ermöglichen. Von der achtecki­gen Einfassung des Brunnens ist noch ein behauener Sandstein vorhanden.

Die Muschelgrotte oder Sala terrena

Vom Innenhof gelangt man durch einen Torbogen in die Sala terrena.
Dessen Deckenfresko zeigt links einen Greis, welcher unter einem Baum am Gestade eines Meeres liegt und einen Krug, aus dem Wasser fließt, umfasst. Drei Kinder stehen im Wasser und breiten ein Netz aus. Die Figur stellt den Ur-Gott Okeanos, den Ursprung des Wassers bzw. aller Flüsse dar, dessen drei älteste Kinder nach der orphischen Tradition Phorkys, Kronos und Rhea hießen. Letztere sind die Stammeltern der olympischen Götter. Okeanos hieß jener Fluss, der ständig um die Erdscheibe fließt, so wie in Haggenberg, wo der um das Schloss angelegten Wassergraben dieses zu einer Insel im Weltmeer macht.
Die etwas tiefer gelegene dreijochige Grotte dürfte bereits in den  napoleonischen Kriegen devastiert worden sein.  Die noch reich stuckierte Decke mit den von Mu­scheln sowie Tuff- und Tropfsteinen umgebenen  Medaillons ist zum Großteil noch erhalten. An beiden Seiten der Grotte befinden sich Wasserbecken. In den Nischen dahinter  sind Skulpturenpaare als Wasserspeier aufgestellt. Die Figuren stellen Liebespaare der griechischen Mythologie dar.
Das an der SO-Seite sitzt Neptun, der Gott des Meeres  neben seiner Gemahlin Amphitrite.  Gegenüber kniet Diana, die jungfräuliche Göttin der Jagd, welche sich dem Jäger Orion zuwendet, der sie als Riese  überragt.

Der Wassergott Okeanos an den Gestaden des Meeres ruhend. ©  Initiative Haggenberg

Die südöstliche Grottenwand © Initiative Hagenberg

Die nordwestliche Grottenwand mit dem intakten Wasserbecken © Initiative Hagenberg

Der Triumphzug der Venus mit ihrem Gefolge über den Wassern © Initiative Haggenberg

uritzt Der zweite Torbogen führt durch die meterdicken Außenmauern zur  hinteren Gartenseite des Schlosses, dessen   Deckenfresko  „Triumphzug der Venus über den Wassern“  zeigt die Göttin der Liebe als Gebieterin des Wassers, die aus dem Wasser entstanden ist.

2. DAS ZWEITE OBERGESCHOSS

Sämtliche Räume der beiden Obergeschosse sind Doppeltüren und Flachdecken versehen, welche durchwegs mit Stuck ausgekleidet, teils auch mit Fresken ausgemalt sind. Nur die Decke des Festsaales fehlt.  Die Obergeschosse werden durch ein von der Eingangshalle zugängliches Stiegenhaus im Nordeck erschlossen, welches innen von einer steinernen Balustrade begrenzt wird. Im Südost-Trakt befindet sich zusätzlich eine Wendeltreppe in die  Obergeschosse.

 Drei Räume des zweiten Obergeschosses sind an dieser Stelle besonders hervorzuheben. 

Die Geburt der Venus im Westen

Im Westeck befand sich die mittelalterliche Burgkapelle,  die dem heiligen Georg gewidmet war. 
Das erhaltene Deckenfresko dieses Raumes stellt die Geburt der Göttin Venus auf einer Muschel dar. In der Mitte thront Neptun, der mit seinem Dreizack seinen Sohn Triton, der das wilde Wasser symbolisiert, beruhigt. Rechts darüber sitzt die Himmelkönigin Juno, die Gemahlin Jupiters, die in dem von zwei Schwänen gezoge­nen Wagen steht.  In die reich verzierte Stuckleiste rings um das Fresko ist der Buchstabe T eingefügt. Es ist dies der einzige Hinweis auf Graf Theodor von Sinzendorf, welcher die barocke Ausgestal­tung des Gebäudes veranlasste.

Der Tempel des doppelten Hermes

Aus diesem Raum führt eine Türe in den zweistöcki­gen Hauptsaal des Schlosses. Dieser hat   vier Doppeltüren, zwei Kamine und an den beiden Längsseiten jeweils vier Fensterachsen. Die Decke wird durch schwere Dippel­bäume gebildet, die ursprüngliche Stuckdecke samt Fresken fehlt. Der Saales wurde nach der barocken Hochzeit als Schüttraum benutzt. Entsprechend der 1938 übernommenen deutschen Reichsgesetze mussten die Wände aus hygieni­schen Gründen mit einem Kaltanstrich übertüncht werden,  der noch immer den größten Teil der Fresken verdeckt.

Der Tempelsaal gegen Nordwesten. © Initiative Haggenberg

,.Die ursprüngliche Bemalung stellt einen Tempel dar, dessen Säulen zwischen den Fenstern und Türen auf allen vier Wänden aufgereiht sind.  Im Gegensatz zu den Kultbildern der meisten Tempel der Antike wird es hier durch zwei Figuren versinnbildlicht. An der Wand des Innenhofes ist dies der an dem Besucher vorbei schreitende griechische Gott Hermes,  wie an seinem Schlapphut zu erkennen ist.  Auf der Gartenseite  ist es ein  auf einem quadrati­schen Stein stehender Jüngling, der als „Seele“ des Hermes mit Namen Pimander identifiziert werden kann. Auf Nachfragen des Hermes an seine Seele nach den  Grundprinzipien des Kosmos kann der Besucher an den Erklärungen des Pymander teilhaben.
Hermes, der Götterbote, ist für die Beschlüsse des Zeus zuständig, er ist aber auch der Gott des Traumes und des Schlafes, indem er den Besucher mit seinem Zauberstab in Schlaf verfallen lässt.

Zitat Hermes auf einer viereckigen Basis

Dass man sich den gelehrten Hermes/Merkur schließlich auch in der antro­pomorphen Erscheinung des arkadischen Jünglings vorstellen konnte, bezeugt Galen bei Gyraldi (Synt.9, Seite 410). Demnach stellten die Bildner und Maler [Hermes],den Vater der Rede („oratio“) und den Urheber aller Künste als Jüngling dar, der auf einer quadratischen Basis steht, welche ein Bild der Stabilität und Festigkeit sei.

Aus: Hans-K. und Susanne Lücke, ANTIKE MYTHOLOGIE ein Handbuch, Hamburg 1999 Seite 457

Zitat Poimandres

2. Ich sage: „Wer bist denn du?“ Er antwortet: „Ich bin Poimandres, der Geist, der die höchste Macht hat. Ich weiß, was du willst, und stehe dir stets zur Seite.“
3. Ich entgegne: „Ich möchte das Seiende begreifen und seine Natur verstehen und Gott erkennen. Wie (gerne), sagte ich, möchte ich darüber hören.“ Er erwidert mir: „Behalte alles in deinem Sinn, was du begreifen willst, und ich werde es dich lehren.“

Aus: http://farlight.org/Books/Das-Corpus-Hermeticum-Deutsch.pdf

Der Raum des Amor im Süden

Der daran anschließen­de rot ausgemalte Raum des Schlosses ist Amor zuge­ord­net. Das Deckenfresko zeigt den griechischen Helden Herkules als Sklaven, der neben Königin Omphale von Lydien sitzt und an einer Spindel werkt. Beide sind durch den über ihnen schwebenden Amor verbunden, dessen Pfeil auf die linke Schulter des Helden zielt, nämlich dort, wo Omphale ihn berührt. In diesem Raum wurde das Ritual des Tempelschlafes vollzogen – siehe Abschnitt 
Derdurch das Geschoß führt von hier durch drei Gästezimmer zurück in das Stiegenhaus, welche mit Bildern von Magdalena von Wächter, meiner Tochter, verschönert ist. Hier befindet sich auch ein Badezimmer und die linksläufige Wendeltreppe, welche bis in das Erdgeschoß hinunterführt.

GESCHICHTE DER HERRSCHAFT

Es gibt zwei Perioden, in denen das Außergewöhnliches dieses Schlosses zum Tragen kamen: Erst die Gründung von 1220 und dann die barocke Blütezeit von 1700. Demgegenüber stellt die Aufklärung danach nur mehr einen Abgesang einstiger Größe dar.

1. Die Gründung des Tempelritters

Es gibt zwei Epochen, auf die das Außergewöhnliche dieses Schlosses zurückzuführen ist: Einmal seine Gründung um 1220 und dann die Hoch­blüte um 1700. Jedoch gibt es auch wichtige Bezüge zur Vorge­schichte des Ortes: In Sichtweite des Schlosses befindet sich eines der bemerkens­wertesten Kreisgra­ben­anlagen der jüngeren Steinzeit in Niederösterreich.
Schloss Hagenberg wurde Anfang des 13.Jahrhunderts als Burg des Heinrich von Hackenberg erbaut. Er kann mit jenem Heinrich von Hackingen identifiziert werden, der als Marschall von Österreich Herzog Leopold VI. im Kreuzzug von 1217 in das Heilige Land begleitete. Er traf an der Küste mit den Rittern des Templer­ordens zusammen, die gerade – nachdem Jerusalem 1187 verloren gegangen war – ihren neuen Hauptsitz, die Festung Atlit an der Küste des Mittelmeeres errichteten. Er dürfte von diesen das Wissen, womöglich auch die Baumeister in seine Heimat mitgenommen haben. Schon im Jahre 1224 tauchte der Name Hackenberg zum ersten Mal urkundlich auf: Der Minne­sänger Ulrich von Liechten­stein berichtete von Heinrich von Hackenberg auf dem Turnier in Friesach in Kärnten: “da war auch der karge man von hakenberc, der wunder kan”. Seine mit Mauern umgebene Burg wurde Mittelpunkt einer Herrschaft, die über zwei Dutzend Dörfer in der näheren und weiteren Umgebung gebot, sowie über Rechte, die von der Burg Falken­stein bis hin an die Donau reichten.
In dem 1264 aufgesetzten Testament Heinrichs wird die Burg erstmals urkundlich erwähnt. Als Ort seiner Beisetzung kommt nur die damals für Hagenberg zuständige Pfarre Michelstetten in Frage, dessen Chor auf eine Stiftung durch den Templerorden hinweist und an dem der einzige Templer-Grabstein der Umgebung eingemauert ist. Der bekannteste Hackenberger war der Hofmeister Herzogs Rudolf IV. des Stifters. Er gehörte zu den Zeugen, die 1365 die Gründung der Wiener Universi­tät beurkundeten. Mit Heinrich V. starben die Hakenberger 1382 aus. Die Herr­schaft übernahm Alber Stuchs von Trautmannsdorf, von dem sie 1414 an die Liechten­steiner kam, deren Sitz sich damals in Nikolsburg befand. 1479 erwarben die Nürnberger Patrizier Georg und Michael Behaim aus Nürnberg die Herr­schaft und erhielten 1496 von Kaiser Maxi­mi­lian I. das Recht, die von der „schwarzen Söldnerarmee“ des ungari­schen Königs Mathias Corvinus verwü­stete Burg im Renaissance-Stil wiederaufzurichten. Auf sie folgte 1543 Christoph von Kuenritz, der in der Nachfolge Jakob Fuggers aus Augs­burg mit den Kupfer-Bergwerken von Neusohl im damaligen Oberungarn verknüpft war. Nach ihnen übernahmen die protestantischen Kuenritz Schloss und Herrschaft Hackenberg. Der Beginn des 17.Jahrhundert führte zu neuerlichen Plünderungen des Schlosses durch die Ungarn, sodass es sich nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges in desolatem Zustand wiederfand.

Der verkehrt gedruckte Stich von Georg Matthäus Vischer: Ansicht von Westen, also auf die heutige Rückseite des Schlosses, mit Resten der Vorwerke aber noch ohne neuzeitlichen Wassergraben

1650 erkaufte Sigismund Friedrich Graf von Sinzendorf von der Ernstbrunner Linie die Herrschaft Hagenberg mit dem desolaten Schloss. 1653/54 erwarb die Familie mit der Burggraf­schaft Rheineck bei Koblenz am Rhein den Titel eines „Erbschatz­mei­sters des Heiligen Römi­schen Reiches“ und damit die Standes­erhöhung zu Reichsgrafen. Das Schloss wurde 1663 von den nieder­österrei­chischen Ständen zum „Fluchtort“ gegen die Türken bestimmt und befestigt. Der Haupteingang lag damals auf der heutigen Rückseite des Ge­bäu­des.

2. Das barocke Gesamtkunstwerk

Die große Stunde für das Schloss schlug 1677, als Reichsgraf Theodor von Sinzendorf den desolaten Renaissancebau von seinem Onkel Sigmund Friedrich erbte und fast dreißig Jahre lang zu einem der einheitlichsten Schlossanlagen des Weinviertels ausbaute, die das gesamte Tal des Brandbaches in seine Gartenge­staltung mit einbezog: Das Schloss bildete ein lichtdurchflutetes Kleinod barocker Lebenslust und Lebensordnung, in dessen Inneren das hermetische Wissen des klassischen Altertums verwirklicht wurde.
Um den zweimanns­tiefen Wassergraben, der das Schloss als Insel umgab, wurde ein geometrischer Barockgarten angelegt, von dem Alleen ausgingen, und ein Kanal zu einem durch einen zehn Meter hohen Damm aufgestauten See, auf dem über hundert Jahre lang Gondolieri aus Venedig die hohen Gäste zu einem Pavillon aus Muranoglas ruderten: Bis 1766 sind im Pfarrarchiv drei venezianische Familien nachzuweisen. Reichsgraf Theodor wurde 1691 von Kaiser Leopold und dessen soeben zum Römischen König gekrönten Sohn Josef besucht. Vor allem aber war Graf Theodor sehr um das Wohl seiner Untertanen bemüht, wie man aus seinem 1699 verfassten „Großen Robot-Freiheitsbrief“ zu ihrer Entlastung, aber auch aus seinem Testament 1704 verfass­ten Testament ersehen kann. Das Schloss war Treffpunkt intellektueller Größen, die in Verbindung mit der Elite Europas standen. Der Kontakt des letzten Universalgelehrten, des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz mit Reichsgraf Sigismund Rudolf, Grande von Spanien, Obersthof­meister Kaiser Karl VI. und ab 1713 Inhaber des Majorats Haggenberg, bestätigt die Exklusivi­tät der Schlossbesucher.

Aus dem Haupturbarium 1715:

DAS SCHLOSS HAGGENBERG – EIN LANDESFÜRSTLICHES LEHEN DAS ZUVOR GANZ BAUFÄLLIG WAR, HAT HERR THEODOR GRAF VON SINZENDORFF selig als erster Majorats­­inhaber größer und ausweis­lich ihm und der ganzen Familie zu uner­streblichem Ruhm mit großen Un­kos­ten in einen solchen Bauzustand erhoben, dass dergleichen im ganzen Viertel unter dem Man­harts­berg nicht zu sehen ist…

Diese Karte beweist, wie sehr das Ordnungsdenken die gesamte Landschaft erfasst hat, wie alles dem barocken Stildenken von Kultur untergeordnet war.

Erste niederösterreichische Landesaufnahme ca. 1765. Österreichischen Nationalbibliothek – erste Version © ÖNB Wien

DIE VERÖDUNG DER NEUZEIT

1773 ererbte der 1803 gefürstete Prosper Anton Joseph von Sinzendorf die Herrschaft Haggenberg und vereinigte nach und nach alle Fideikommisse des Hauses Sinzendorf in seiner Hand. Er war einer der ersten Aufklärer Österreichs und baute sein Stammschloss Ernstbrunn zu einem „romantischen Feensitz“ aus, bis er 1822 auf dem Weg nach Karls­bad aus der Reisekutsche nach Karlsbad fiel. Das reiche Erbe trat Reichsfürst Heinrich IV. von Reuß-Köstritz aus Thüringen an. Schloss Hagenberg wurde zum Schüttkasten degradiert. Der Teich wurde ausgelas­sen, die Alleebäume entfernt, der Barockgärten als Obstplantage verwendet. In den beiden napoleonischen Kriegen wurde das bereits leerstehende Schloss devastiert, seine Skulpturen zerschlagen. Jedoch bildeten die bemalten Außen- wie Innenfas­saden noch bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahr­hunderts eine Besonder­heit des Schlosses.
1940, während des zweiten Weltkrieges, wurden im Schloss ca. 30 belgische Kriegsgefangene unterge­bracht, die sich hier heimisch fühlten und auch namentlich verewigten. Bei Kriegsende wurde der Besitz als „Deutsches Eigentum“ unter sowjetische Verwaltung gestellt. 1954, mit dem österreichi­schen Staats­vertrag, wurde es an die Familie Reuß zurückgegeben, die jedoch 1959 den Gutsbetrieb einstellten. Sämtliche Äcker wurden an die Bauern des Ortes verkauft. Es bestand der Plan, das leerstehende Gebäude abzureißen: Seine Mauern hätten als Schüttmaterial für die Feldwege dienen sollen, „damit die Bauern auch endlich einmal etwas vom Schloss haben sollen.“ Es war nur mehr im Weg, nichts als ein lästiges Überbleibsel vergangener Jahrhunderte.
Wenn das Außergewöhnliche zum Banalen, das Banale zum Außergewöhn­lichen gemacht wird, ist das, worauf es ankommt, nicht mehr zu erkennen. Das Schicksal des Schlosses spiegelt sich im geistigen Verfall unserer Zeit wider.

Die Entleerung der Landschaft

Im Weinviertel schreitet der Abbau der über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft unaufhaltsam voran. Die in Mitteleuropa einmalige geschlossene Form der Dörfer wird gedankenlos aufgegeben zugunsten Vorstellungen, die überall anders genauso verwirklicht werden. Die Besonderheit der Landschaft, welche das Eigentliche der Landschaft ausmacht, wird nicht mehr erkannt, wird widerspruchslos aufgegeben. Schon lange befindet sich die Region an der nordöstlichen Grenze dieses Landes auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Das Verschwinden des Wassers

Der geistigen Entleerung der Landschaft entspricht der Rückgang des Lebensele­mentes Wasser. Schon das zweite überlieferte Wappen der Hacken­berger, ist ein slawischer Fischpfeil und beweist, wovon sich die Menschen vor sechshundert Jahren ernährten. Heute, bei gleichen klimatischen Bedingungen, ist es unvorstellbar, wie es gelang, jeden Tropfen so zurückzuhalten, dass eine durchgehende Teichlandschaft entstehen konnte. In Hagenberg ist das Wasser des Sees schon längst verschwunden. Doch erst vor vierzig Jahren ist sein Damm, ein natur- und kulturhistorisches Denkmal ersten Ranges, im Rahmen der Kommassierung mit dem Ziel, alles gleich zu machen, abgetragen worden. Er störte die Gleichförmigen und Lethargischen, die jede Besonderheit erbittert bekämpfen. Die restlose und durchgreifende Kanalisierung der gesamten Region hat nicht nur zu einer Wertabschöpfung ungeahnten Ausmaßes beigetra­gen. Dazu spricht das Manifest Hundertwasser DIE HEILIGE SCHEISSE aus dem Jahre 1979 die entscheidenden Punkte an, welche unsere Welt entleeren, um sie auf Dauer zum Veröden zu bringen: Es ist der Sauberkeitswahn, welcher nur mehr „Gereinigtes“ akzeptieren kann: Jeder Zustand, der dieser als Norm erhobenen Vorstellung widerspricht, wird gnadenlos ausgemerzt.
Freilich, einen Aspekt hatte die neue Zeit bloßgelegt, der für die Zukunft entscheidend werden sollte: Die rein landwirtschaftliche Nutzung des Gebäudes führte dazu, dass es nicht zu einem Wohnschloss umgebaut wurde und daher von den üblichen Adaptierungen des 19. und 20.Jahrhunderts zur Verbesserung der Lebensqualität, aber auch von dem veränderten Kunstverständnis verschont blieb.

Die Entsorgung von Kulturgütern

Eine Entwicklung die weitgehend unterschätzt wird und in den letzten Jahren in erschreckendem Maße zunimmt, ist der Verlust von kulturellen Werten in Form von Gebrauchsgütern, von Bildern und Gedruck­tem, vor allem Büchern aus Nachlässen, mit denen die Erben nichts mehr anfangen können und die an den in jeder Gemeinde vorhandenen Sammel­stellen als Sperrmüll entsorgt werden. Das ganze Land wird von dieser Entleerung erfasst. Mit dem Abriss von Altbau­ten in der Mitte der Dörfer ist dieser Verlust von Kultur total. Das Meiste, was heute als Kunst produziert wird, hat keinen Bezug mehr zu übergeordneten Werten, es ist nur Selbstverwirklichung kleiner Geister, welche die allgemeine Misere vollends zum bestimmenden Faktor unseres Jahrhunderts werden lässt.

Kontakt

E-Mail:
info@haggenberg-castle.at

Telefon:
+43 25248506

Details unter: Öffnungen

Die Besichtigung des Schlosses ist im Rahmen von Führungen gegen Voranmeldung unter 0664 4720187  möglich.

Wissen um die Mythologie der Antike erwünscht.

Die Restaurierung des Tempelsaales

Details siehe unter: Journal – Die Restaurierung des Tempelsaales

Spendenkonto:
Für laufende Erhaltung des Schlosses Überweisung von 20 - 50 - 200 Euro auf das Spendenkonto "Initiative Haggenberg "bei der RAIFFEISENBANK LAA/THAYA

IBAN AT83 3241 3000 0008 3824
BIC RLNWATWWLAA

Spenden per PayPal:



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SICH ÖFFNEND FÜR JENE
MIT ACHTUNG JA LIEBE FÜR
DAS NÄCHST­E,
DAS EINFACHSTE -
BEREIT DAS ÜBLICHE
ÜBER BORD ZU WERFEN.“

 

Horst A. Wächter